Freitag, 13. Dezember 2013

Der unvorhandene Plural

Walter Moers lässt in seinem Buch "Rumo" die "unvorhandenen Winzlinge" auftreten.
Die sind so winzig, dass sie das stoffliche Erscheinen längst "überwunden" haben.
Dennoch spielen sie eine große Rolle und helfen, ein Leben zu retten.

Ganz anders verhält es sich mit dem unvorhandenen Plural, der gerne in der Zeitung verwendet wird.
Nach Ansicht von Wolf Schneider wollen die Journalisten mit diesem speziellen Plural das Wichtige wichtiger, das Große größer und das eigentlich Unwichtige unglaublich bedeutend erscheinen lassen.
Doch erreichen Sie generell das Gegenteil.
Durch die beliebige, weil niemals spezifizierte Mehrzahl verliert die eigentliche Meldung an Kraft und geht im allgemeinen Getöse unter.

Um das an einem Beispiel festzumachen:
Herr Vettel wird Vater und es wird auch eine Hochzeit nicht ausgeschlossen.
Prompt "ranken sich bereits Hochzeitsgerüchte" um das Paar, dass seit "gemeinsamen Schulzeiten" liiert ist.
Wieviele Gerüchte gibt es hier?
Genau eines, nämlich das Gerücht, Herr Vettel und Frau Prater könnten heiraten.
Nicht mehr und nicht weniger.
Der unklare Umstand, ob die beiden heiraten oder nicht, wird weder klarer, noch wichtiger wenn die bereits zitierten "Gerüchte" angebracht werden.
Im Gegenteil, ein Gerücht ist wesentlich schwerwiegender und klingt stärker.
Erinnern wir uns an Webers Gemälde "Das Gerücht" - wieviel weniger bedrückend und beängstigend wirkte es, wenn statt des einen großen Gerüchts viele kleine Gerüchtchen über die Hauswand liefen. Es sähe albern aus, anstatt uns aufzurütteln.

Die "gemeinsamen Schulzeiten" sind ähnlich sinnfrei.
Vielleicht meinte der Autor, dass Vettels Schulzeit und Praters Schulzeit zusammen Schulzeiten ergeben, denn 1+1 ergibt ja bekanntermaßen 2!
Doch sachlich richtig wäre eine "gemeinsame Schulzeit".
Nicht mehr und nicht weniger.

Findet das jemand spitzfindig?
Ich nicht. Es geht mir um eine prägnante Sprache, die ihre Stärken auspielen kann.
In der Zeitung, in Zeitschriften ist zuviel Wischiwaschi zu lesen und im Radio und Fernsehen zu viel davon zu hören.
Wehret den Anfängen!

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