Donnerstag, 5. Dezember 2019

Pisa - und nicht nur der Turm ist schief

Mal wieder eine Pisa-Studie.

Mal wieder die Geschichte mit Äpfel und Birnen.

Es werden Asiaten mit Europäern und Amerikanern verglichen.
Reiche Staaten mit armen Staaten.
Reduziert auf etwas, das man als "Bildung, verengt auf die Anforderung der Berufsweld" bezeichnen kann.

In Deutschland kann nur jeder fünfte 15jährige die einfachen Texte verstehen, die anderen sind unterfordert? Ist denn da auch der Anteil der frisch zugezogenen Imigranten berücksichtigt?
Denen kann man keinen Vorwurf machen, die sind ja dabei, noch zu lernen.
Wer ein oder mehrere Kinder durch die Grundschule geschleust hat, kann ein Lied davon singen, dass der Unterricht oft nicht strukturiert ist. Stunden fallen aus. Lehrer unterrichten in "fachfremden" Fächern. Junge Hüpfer ohne jede Erfahrung, aber mit großen Rosinen im Kopf werden ohne Begleitung auf die Kinder losgelassen.
Ist es da ein Wunder, wenn lesen und schreiben nicht mehr richtig gelehrt und gelernt werden.
Hier hake ich gleich ein: Es wird immer darauf rumgehackt, dass Kinder aus bildungsfernen und/oder ärmeren Haushalten schlechtere Chancen haben.
Da kann man der Schule aber nicht alle Schuld anlasten.
Bei uns war es so, das Yolande Bücher verschlungen hat. Sachbücher, Kinderbücher, textlastiges, Comics - einfach alles.
Victor hat dagegen lieber gehört. Mit ihm habe ich drei Jahre jeden Abend gelesen***. Im Rahmen der Gute-Nacht-Geschicht (die anscheinend auch immer mehr aus der Mode kommt), hatte er einen Teil zu lesen und ich auch. Es gehört Ausdauer und Leidesnfähigkeit auch von den Eltern dazu.
Eine Zeile Großdruck mit acht einfachen Wörtern konnte schon einmal fünf Minuten in Anspruch nehmen. Aushalten, aushalten, aushalten - nicht eingreifen, nicht erleichtern, nicht vorsagen.
Der Erfolg kam. Ganz langsam wurde die Lesegeschwindigkeit schneller, die Wörter saßen sicherer und irgendwann lief es. Jetzt liest das Kind aus eigenem Antrieb - allerdings oft nur die Dinge, die ihn interessieren. Auch das gehört dazu, wenn Emil, Michel, die Kinder vom Möwenweg oder aus Bullerbü nicht gefallen, dann eben Ritter Trenk, Mangas oder lustige Taschenbücher.
Kinder lesen nur, wenn sie etwas zu lesen bekommen, was ihnen gefällt; macht es den Kindern doch leichter und unterstützt das.
Doch ist da noch die Zeit, wenn Mama bis 21.00 Uhr im Laden steht oder schon wieder Nachtschicht hat, wenn Papa, soweit es einen gibt, nach 12 stressigen Stunden wieder zuhause ist. Wieviele Eltern können sich nicht vom Smartphone lösen.
... und die Schule soll jetzt alle Defizite aus allen Gesellschaftsschichten auffangen und egalisieren?

In Singapur ist die Millionärsdichte sehr hoch.
Merkwürdig, das Kinder von dort besser abschneiden, als aus einem Flächenland, wie Deutschland.
In China gibt es Ganztagsschulen und abends Nachhilfe.
Ist das ein Vorbild für uns? Meine Kinder hätten Ganztagsschulen doof gefunden. Die wollten auch noch Freizeit ohne Gängelung und Beaufsichtigung. Aber da sind wir vielleicht auch Old-School und nicht mehr auf dem Laufenden und alle anderen finden das toll.

Wer wusste schon, dass in D. tatsächlich alle Schüler teilnehmen konnten und durften - egal ob Ramona, Hans, Ali oder Jaqueline.
In einigen Staaten wurden nur die Muttersprachler zum Test gebeten, bzw. nur deren Ergebnisse wurden weitergeleitet.
Wird dadurch das Gesamtbild nicht verzerrt?

So gesehen ist unser Abschneiden im Mittelfeld gar nicht schlecht. Kein Grund sich auszuruhen, aber auch kein Grund alles schlecht zu reden.
Wie wäre es mal damit, die Bildungspolitik durch die Leher an der Basis bewerten zu lassen?
Seit Jahren wird von oben entschieden, aber unten muss alles ausgebadet werden. Einige Minister würden sich sehr wundern, wenn sie selbst mal erleben, wie es im Schulalltag in einer 8. Gemeinschaftsschulklasse aussieht.


*** Nur um eines klarzustellen: Victor hatte seine Mühe, das Lesen zu lernen, aber bei Interesse bleiben Daten und Fakten wie von selber hängen. Erdzeitalter, Dinosauriernamen, Schwertarten ...
Das läuft alles. Im Moment liest er "Anmerkungen zu Hitler" von Sebastian Haffner.
Er liest es nicht nur, er versteht es auch. Angesichts der Pisa-Studie ist das ja ein Knackpunkt an dem die deutschen Schulen arbeiten müssen. 

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